Reisen ist furchtbar.
...Urlaub ist großartig.
Das klingt zunächst wie deutlicher ein Widerspruch. Ist es ja irgendwie auch.
Wer selbst regelmäßig verreist, Fotos von Stränden und Parties macht oder begeistert von Städten auf der anderen Seite der Welt erzählt, der sollte bzw. müsste Reisen eigentlich lieben.
Ich behaupte das Gegenteil.
Urlaub kann fantastisch sein. Reisen hingegen ist fast immer eine Qual. Niemand mag das eigentlich.
Jede Reise beginnt mit einer kleinen Krise
Es spielt keine Rolle, ob man für ein Wochenende nach Barcelona fliegt oder drei Monate durch Asien reist.
Irgendwann steht man vor einem offenen Koffer und fragt sich, ob man was vergessen hat.
Meistens hat man das.
Mal fehlt das Ladekabel. Mal die Zahnbürste. Mal merkt man erst am Flughafen, dass der Reisepass nicht dort liegt, wo er liegen sollte.
Gar nicht erwähnen möchte ich das andere Extrem: die tausenden Dinge, von denen man denkt sie seien sooo wichtig, die aber dann den gesamten Urlaub im Koffer bleiben.
In beiden Fällen: Je näher die Abreise rückt, desto mehr verwandelt sich entspannte Vorfreude in stressige Organisation.
Niemand steht freiwillig um vier Uhr morgens auf
Die schönsten Urlaubsfotos beginnen erstaunlich oft mit einem dreckigen Wecker, der mitten in der Nacht klingelt.
Fluggesellschaften lieben Abflugzeiten, die jeden normalen Schlafrhythmus zerstören.
Man verlässt das Haus zu einer Uhrzeit, zu der man normalerweise höchstens kurz aufwacht, um sich umzudrehen und weiterzuschlafen.
Trotzdem sitzt man plötzlich geschniegelt und geschniegelt mit Rollkoffer im Taxi und versucht sich einzureden, dass sich das alles lohnen wird. Bis zur Ankunft am Flughafen hab ich idR. schon dreimal an Selbstmord gedacht.
Flughäfen sind Wartezimmer mit Startbahn
Der moderne Flugverkehr besteht zu einem überraschend großen Teil aus Warten.
Man wartet auf das Taxi.
Man wartet am Check-in.
Man wartet an der Sicherheitskontrolle.
Man wartet am Gate.
Man wartet auf das Boarding.
Und irgendwann sitzt man im Flugzeug und wartet darauf, dass es endlich losgeht.
Fliegen klingt oft glamouröser als es tatsächlich ist.
Die Realität besteht meistens aus engen Sitzen, trockener Luft und der Hoffnung, dass der Sitznachbar nicht das Bedürfnis verspürt, ein längeres Gespräch zu führen. Ich schliesse die Augen und träume mich weg. Müde genug bin ich an diesem Punkt meist ja eh.
Die Ankunft ist oft noch nicht das Ende
Viele Menschen denken, die Reise sei vorbei, sobald das Flugzeug gelandet ist.
Das wäre zu schön.
In Wirklichkeit beginnt nun häufig der zweite Teil.
Gepäckband.
Geld wechseln.
Transfer.
Taxi.
Zug.
Bus.
Hotel-Check-in.
Je nach Reiseziel kann dieser Abschnitt weitere Stunden dauern.
Nicht selten erreicht man das Hotel mit dem Gefühl, bereits einen kompletten Arbeitstag hinter sich zu haben.
Trotzdem machen Millionen Menschen das immer wieder
An diesem Punkt stellt sich eine berechtigte Frage.
Warum reisen Menschen überhaupt?
Warum setzen sich Leute freiwillig in Flugzeuge, Züge, Busse und Taxis, um anschließend erschöpft in einem Hotelzimmer anzukommen?
Die Antwort findet man selten während der Anreise.
Die Antwort findet man am Ziel.
Andere Sprachen verändern den Blick auf die Welt
Es gibt etwas Faszinierendes daran, Menschen in ihrer eigenen Sprache sprechen zu hören.
Selbst wenn man nur einzelne Wörter versteht.
Man merkt plötzlich, dass die Welt größer ist als die eigene Stadt, die eigene Sprache und die eigene Routine.
Jede Reise erinnert einen daran, dass Milliarden Menschen ihren Alltag völlig anders leben.
Manche Begegnungen vergisst man nie
Nicht jede Reise hinterlässt Erinnerungen wegen eines Gebäudes oder einer Sehenswürdigkeit.
Oft sind es die Menschen.
Der Taxifahrer mit der interessanten Geschichte.
Der Kellner mit den Restauranttipps, die in keinem Reiseführer stehen.
Der zufällige Gesprächspartner in einer Hotelbar.
Viele Begegnungen dauern nur wenige Minuten.
Trotzdem bleiben sie manchmal länger im Gedächtnis als ganze Städte.
Essen erzählt mehr über ein Land als jedes Museum
Wer ein Land verstehen möchte, sollte sich nicht nur die Sehenswürdigkeiten ansehen.
Er sollte essen.
Und zwar dort, wo die Einheimischen essen.
Zwischen einem Touristenrestaurant und einem kleinen Familienbetrieb liegen oft Welten.
Manche Gerichte erklären ein Land besser als jede Stadtführung.
Sich zu verlaufen gehört zum Erlebnis
Die besten Momente einer Reise entstehen erstaunlich selten nach Plan.
Sie entstehen, wenn man falsch abbiegt.
Wenn man eine Seitenstraße entdeckt.
Wenn man ohne Ziel durch eine Stadt läuft.
Oder wenn man an einem Ort landet, von dem man vorher noch nie gehört hat.
Genau diese ungeplanten Momente machen Reisen interessant.
Für solche Augenblicke nimmt man alles in Kauf
Dann sitzt man plötzlich an einem Strand.
Oder auf einer Dachterrasse mit Blick über eine fremde Stadt.
Oder in einem kleinen Café irgendwo am anderen Ende der Welt.
Für einen Moment denkt niemand mehr an die Sicherheitskontrolle, den verspäteten Flug oder die drei Stunden Wartezeit am Flughafen.
Genau dann versteht man, warum Menschen immer wieder verreisen.
Das Ziel ist der Grund. Die Anreise ist der Preis.
Reisen wird vermutlich nie angenehm werden.
Koffer schleppen bleibt anstrengend.
Flughäfen bleiben hektisch.
Flugzeuge bleiben eng.
Und Busse kommen weiterhin entweder zu spät oder zu früh.
Trotzdem buchen Menschen jeden Tag neue Reisen.
Nicht weil sie die Anreise lieben.
Sondern weil sie wissen, dass am Ende etwas auf sie wartet, das die Mühe wert ist.


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